Zellgesellschaft – Teil 1/7

WANN WIRD EIN UNTERNEHMEN ZU GROSS?

Große Unternehmen sind nicht per se schlecht.

Im Gegenteil: Sie ermöglichen Investitionen, Forschung und Entwicklung, internationale Arbeitsteilung und Skaleneffekte, die kleine Unternehmen allein oft nicht erreichen könnten.

Das Problem ist nicht Größe an sich. Das Problem entsteht, wenn Größe zu Macht und Zentralisierung führt.

Große Konzerne stehen deshalb nicht ganz zu Unrecht in der Kritik. Sie können erheblichen politischen Einfluss entwickeln. In konzentrierten Märkten entstehen Monopole oder Oligopole. Unternehmen können so bedeutend werden, dass ihr Scheitern ganze Regionen, Branchen oder sogar Volkswirtschaften gefährden würde: too big to fail.

Gleichzeitig besitzen Großunternehmen häufig einen leichteren Zugang zu Politik, Förderprogrammen, Kapital und spezialisierten Beratern als kleine und mittlere Unternehmen.

Der unterschätzte Wettbewerbsvorteil: Bürokratiefähigkeit

Hinzu kommt ein Faktor, über den erstaunlich wenig gesprochen wird:

Bürokratie hat Fixkosten.

Eine neue Vorschrift trifft auf dem Papier möglicherweise alle Unternehmen gleichermaßen. Ihre wirtschaftliche Belastung ist aber keineswegs zwangsläufig gleich.

Ein Großkonzern kann eigene Abteilungen für Recht, Steuern, Datenschutz, Compliance, Personal und Berichtspflichten unterhalten. Beim Mittelständler landet die nächste Dokumentationspflicht dagegen schnell auf dem Schreibtisch des Unternehmers – oder muss teuer extern eingekauft werden.

So entsteht ein Paradox:

Regulierung, die wirtschaftliche Macht begrenzen soll, kann Größe selbst zum Wettbewerbsvorteil machen.

Die Antwort darauf kann jedoch nicht lauten, große Unternehmen einfach zu verhindern.

Die interessantere Frage lautet:

Können Unternehmen groß werden, ohne immer zentralistischer zu werden?

Vielleicht sollten wir dafür einmal nicht in ein Lehrbuch der Betriebswirtschaft schauen, sondern in die Natur.

Ein großer Organismus besteht schließlich nicht aus einer einzigen gigantischen Zelle.

Er besteht aus Milliarden Zellen.

Sie sind spezialisiert, besitzen eigene Funktionen und reagieren auf ihre unmittelbare Umgebung. Gleichzeitig kommunizieren sie miteinander und nutzen gemeinsame Versorgungssysteme.

Autonomie und Gemeinschaft sind dort keine Gegensätze.

Auch in unserer Wirtschaft existieren bereits Ansätze dieses Prinzips.

Industrieparks zeigen beispielsweise, dass wirtschaftlich eigenständige Unternehmen gemeinsame Infrastruktur nutzen können: Energieversorgung, Logistik, Werkschutz, Feuerwehr, Entsorgung oder technische Dienstleistungen müssen nicht von jedem Unternehmen neu aufgebaut werden.

Das ist Coopetition: Kooperation und Wettbewerb gleichzeitig.

Man arbeitet zusammen, wo Zusammenarbeit Vorteile schafft – und bleibt eigenständig oder konkurriert dort, wo Wettbewerb Innovation hervorbringt.

Genau an diesem Punkt beginnt die Idee der Zellgesellschaft.

Nicht ein immer größer werdender zentral gesteuerter Konzern, sondern ein wachsender Organismus aus überschaubaren, weitgehend eigenverantwortlichen unternehmerischen Zellen.

Daraus entstehen drei erste Prinzipien:

Nicht Wachstum begrenzen. Zentralisierung begrenzen.

Autonomie in der Wertschöpfung. Gemeinsamkeit in der Infrastruktur.

Wettbewerb, wo er besser macht. Kooperation, wo sie stärker macht.

Vielleicht liegt die Zukunft großer Unternehmen also nicht darin, wieder kleiner zu werden.

Vielleicht müssen wir lernen, anders groß zu werden.

Teil 2: Was Unternehmen von der biologischen Zelle lernen können – und wo die Analogie ihre Grenzen hat.

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